Frauen - Medien - Macht


WOHIN MIT DEN KÖRPERN?


Notizen zur aktuellen feministischen Diskussion um Körper-und Geschlechteridentitäten

Nickel Schaffer



1. Postgender und Intersex States


Als jüngste Form der Repräsentationsmedien stehen die neuen Kommunikationstechnologien in einer besonderen Beziehung zur Wetware, dem Körper, und erfordern neue Identitäten bzw. Definitionen derselben, um der propagierten Auflösung traditioneller Dichotomien (biologisch/kulturell etwa) entsprechen zu können. Nicht mehr die Köperlichkeit ist es, die als fixer Ausgangspunkt für feministische Theorien gilt, sondern die Körperlosigkeit.
AnhängerInnen einer körperlosen Gesellschaft sind u.a. Arthur und Marilouise Kroker, die uns fluktierende Geschlechterimages präsentieren: welcome to the world of intersex states, der Welt des dritten Geschlechts, das keine Differenzierungen in weiblich und männlich (weder im biologischen noch im kulturellen Sinn) nötig hat. Die Krokers erklären also nicht nur Sex, das biologische Geschlecht, sondern auch Gender als kulturell eingeschriebenes Geschlecht für obsolet.

Wesentliches Element der Postgender-Welt ist die Instabilität der Identität, die sich je nach Bezüglichkeit neu und anders reproduziert. Ein Charakter, der dieser Anschauung entspricht, ist der Cyborg (KYBernetischer ORGanismus), geprägt von und durch Donna Harraway (A Manifesto for Cyborgs, 1990).

Cyborgs sind als solche (organische Roboter, Humamaschinen) noch nicht existent und stehen in der Praxis für selbstkonstruierte Menschen, die nahe daran sind, mit ihren technischen Erweiterungen zu verschmelzen. Cyborgs bedeuten die Technologisierung der Menschen und die Vermenschlichung von Maschinen.

Der Cyborg verweist auf die Fragilität und Künstlichkeit des Körpers und seiner Identitäten - sowie seiner Materialität. Es wird unmöglich, Identität an einer Oberfläche festzumachen (Stichwort: shape-changing).
Der physische Körper, traditonellerweise als vertrauensvoller Grund für ein komplexes Bündel von Identitäten angenommen, hat in einer bio-und kommunikationstechnologischen Gesellschaft seine Unschuld eingebüßt. (Angerer, S. 41)

In der Populärkultur wird die Grenzverwischung der Geschlechter heftig zelebriert, realiter bleiben gender boundaries - auch im Cyberspace - unflexibel. (Dies ist nicht mit dem cross-dressing: der Annahme des anderen Geschlechts im Cyberspace zu verwechseln).
Geschlechtliche Differenzierungen sind offensichtlich eine der wenigen Orientierungspunkte in der virtuellen Welt geblieben.



2. Feminismus und Körperidentität: der Körper als Gedoppelter


Die Annahme, daß der Körper als Ausgangspunkt, Basis und Rückzugsgebiet für feministische Theorien angenommen werden kann, wird heutzutage als Denkfehler bewertet. (unter anderem von den Women of Colour, die den Feminismus der weißen Mittelstandsfrau westlicher Industrieländer zuschreiben).
Der Schwerpunkt hat sich von der Frau als Einheit (weibliche Natur, weibliche Ästhetik,...)auf die Differenz unter Frauen verlagert, der Begriff Gender hat sich durchgesetzt.

Doing and Becoming Gender weist auf die Performtivität geschlechtlicher Identitäten (als Konstruktion als permanente Wiederholung vorherrschender Normen und Vorstellungen) hin.
Mit Gender Trouble (1990) hat Judith Butler die Trennung Sex/Gender aufgehoben, die den Körper als Instrument soziokultureller Einschreibungen stilisierte. Für Butler ist der Körper selbst eine Konstruktion, wobei sich die Frage stellt, inwieweit der Körper erst durch die Markierungen der Geschlechtsidentitäten ins Leben gerufen wird.
Die Vorwürfe, Butler ließe die Wahrnehmung durch die/den Andere(n) aus, die erst die soziale Interaktion möglich macht und die Geschlechtsbinarität erzeugt, die wiederum im historisch-kulturellen Kontext zu sehen ist, können nach Angerer nicht gehalten werden.
Dieser Kontext ist auch bei Butler vorhanden, die in Anlehnung an das Lacansche Spiegelstadium die Kontextualität immer miteinbeziehen muß. Die Wahrnehmung gilt hier als grundlegendes Element der Subjektfindung.

Das Spiegelbildverhältnis (projektive Identifikation, ursprüngliche Ich-Verkennung, Ich-Erfindung. Das Andere bin Ich) soll im Cyberspace neu bewältigt werden: ist eine neue Subjektkonstituierung möglich? Ein neues Verhältnis zwischen dem Ich und dem Anderen?
Vergessen wird auf die eigentliche Spaltung des Subjekts: Das Körperbild war schon immer auf der Seite des Anderen.

Der Körper als Gedoppelter: ein semiotisch-materieller Knoten. Identität konstruiert sich in jeweils konkreten Kontexten, mit der Wahrnehmung als Konstituens, an bestimmten Orten, die In-Between genannt werden.
Zugänge zu dieser Gedoppeltheit bieten unter anderem:

Das Lacansche Dreieck: der Körper als Reales, Symbolisches, Imaginäres. Das im Spiegelstadium fixierte, instabile Körperbild wird wie ein Gewand angezogen.

oder Francoise Dolto:
Sie unterscheidet zwischen
Körperschema: für alle Individuen einer Gattung gleich
und Körperbild: als lebende Synthese von Erfahrungen

Im In-Between wird das Körperschema vom Körperbild umhüllt.

Das In-Between kann als Ort betrachtet werden, wo sich der Körper als der Andere (die vermeintliche Materie) stets mit seinem psychischen Selbst auseinandersetzt.
Körper wird nicht länger als natürliche Gegebenheit erfaßt, sondern als Effekt und Resultat einer Repräsentation. Keine Einschränkung auf eine weibliche Einheit, vielmehr Ort der Auseinandersetzung und der Differenzen.



3. Positionen zum Poststrukturalismus:


Mit der Dekonstruktion von Gender, das als konstrukives Element die Möglichkeit der Veränderung in sich birgt, verliert der Feminismus an Boden. Der Traum vom Grenzen-und Körperlosen sei skeptisch zu betrachten. (Susan Bordo)

Vicky Kirby (australischer Kreis) wirft den poststrukturalistischen Feministinnen Angst vor dem Körper vor - diesen als biologisch-anatomische Tatsache hinzunehmen.

Judith Stacey: Der Widerstand, die biologische Komponente anzuerkennen, beruht auf der Furcht, diese nicht ändern zu können und daß diese als Rechtfertigung für Unterdrückung dienen. Wenn es mehr als zwei Geschlechter gibt, stört es nicht, wenn diese auch durch die Biologie erklärt werden. (vgl. sic! Nr, 8/9, 1996. S.37f)

Tania Madleski beschäftigt sich auch mit der postmodernen Verweigerung eines spezifisch sexualisierten Körpers. Mit der Double-bind-Charakterisierung: to be only body and/or nobody macht sie den steten Kampf der Frauen gegen ihre Bilder deutlich.

Liz Grosz: Butler sollte nicht nur auf der Instabilität von Gender beharren, sondern auch auf der von Sex. Fr Grosz richtet sich die Frage auf die Unterdrückung: was ist ein Körper und was tut er? Der Körper ist als etwas zu denken, das keinen einheitlichen Ort bezeichnet, er konstruiert keine Wahrheit.

Elspeth Probyn: Körper und ihre Identitäten sind Bewegungen, die sich nur in Bildern fassen lassen. Der Körper wird zur loca-motion, zum Ort der Passage, des Durchgangs von Bildern. In Körpern halten wir uns auf. Doch die Körper gehen weiter. (Sigrid Schade, Angerer: S.30)

Um das Körper/Selbstbild neu zu definieren muß frau die Körper-und Geschlechtsidentität als gelernte Imaginationen begreifen können, in ihrer jeweiligen historischen, geographischen, politischen Lokalität.



Literatur


Arthur und Marilouise Kroker: Body and Technology: Virtual Sex. In: Gender Challenge. Zu Verwirrungen der Geschlechteridentitäten. Wien, 1995.

Marie-Luise Angerer: Körper-Geschlechter-Technologien. Das Ende der Unschuld. In: Gender Challenge. Zu Verwirrungen der Geschlechteridentitäten. Wien, 1995.